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125 Jahre gesetzliche Rentenversicherung

54 Reformpolitischer Aufbruch und die Rentenreform von 1972 Schon das Jahr 1972 brachte für die gesetzliche Rentenver­ sicherung ein neues Reformpaket. Von den ökonomischen Krisen- erscheinungen Mitte der 1960er Jahre hatte sich die Gesellschaft der Bundesrepublik inzwischen wieder erholt. Seit der Bildung der sozialliberalen Regierungskoalition unter Willy Brandt herrschte politische Aufbruchsstimmung. Die Koalition hatte sich auf dem sozialpolitischen Feld die Durchsetzung von Chancengleichheit, den sozialen Ausgleich und die Bekämpfung der Armut zur Aufga- be gemacht. Die kommenden Jahre sollten von der Expan- sion des Sozialstaats und von gesellschafts- und sozialpoliti- schen Reformen gekennzeich- net sein. Zu den wichtigsten Neue- rungen des Rentenreformge- setzes vom 16. Oktober 1972 zählte die Einführung der flexiblen Altersgrenze für langjährig Versicherte, die einen Rentenbeginn mit 63 Jahren ermöglichte. Für weibliche Versicherte und Arbeitslose gab es zum damaligen Zeitpunkt bereits die Möglichkeit, unter Erfüllung bestimmter Vo- raussetzungen schon mit 60 Jahren in den Ruhestand zu gehen. Durch die neu eingeführte »Rente nach Mindesteinkommen« wur- den zudem unter bestimmten Voraussetzungen vor 1973 erwor- bene geringe Rentenanwartschaften von Versicherten aufgewertet. Mit dieser Regelung sollte ein Nachteilsausgleich für Geringver- dienende geschaffen werden, insbesondere für Frauen. Außerdem konnten nun alle Personen ab 16 Jahren, die nicht pflichtversi- chert waren, freiwillige Bei­träge zur Rentenversicherung leisten. Die Beitragshöhe durften die freiwillig Versicherten selbst festle- gen. Für Selbstständige bestand zudem die Möglichkeit, auf An- trag versicherungspflichtig zu werden. Auf diese Weise wurde die Rentenversicherung vor allem für Selbstständige, mithelfende Familien­angehörige sowie für nicht erwerbs­tätige Frauen geöffnet. Bisher hatten viele Frauen, die einen größeren Teil ihres Lebens als Hausfrau tätig waren und keiner Erwerbstätigkeit nachgingen, aufgrund ihrer geringen Beitragszeiten in der Rentenversicherung Die Rentenreform von 1972 öffnete die gesetzliche Rentenversicherung für Selbstständige und Hausfrauen und führte zu vielen Leistungsverbesserungen. Sie war Teil der allgemeinen sozialpolitischen Expansion dieser Zeit. Demonstration für Frauenrechte, 1975. Die 1970er Jahre standen im Zeichen der Reform des Eherechts und des Abbaus struktureller Be- nachteiligungen von Frauen – auch in der Rentenpolitik. Nachdem die Rentenreform 1972 bereits eine bessere Absicherung von Frauen ermöglichte, wurde 1977 der Versor- gungsausgleich bei Ehescheidung eingeführt.

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